republica 2014 Recap
Apr 03 2014

re:publica 2014 Recap

republica 2014 Recap

re:publica „into the wild“ - der erste Tag

„Into the wild“, unter diesem Motto steht die 2014er re:publica. Nach den Enthüllungen Edward Snowdens im letzten Jahr ist die Netzgemeinde von einem Gefühl der Ohnmacht erfüllt. Muss man in Zeiten der Totalüberwachung auf das Netz verzichten? Kann man nur noch „in the wild“, in der Natur, fern vom DSL und LTE, der Überwachung entgehen?

Das Design der re:publica 14 spiegelt das wieder: Bilder von Natur und Pflanzen sind überall in der Location präsent. Beeindruckende Projektionen zeigen lichtdurchflutete Wälder. Doch durch den Wald zieht sich ein weißes Netzwerk. Es wabert, moduliert und verändert sich stetig. Und steht somit sinnbildlich für eine oft gehörte Aufforderung auf der re:publica: reclaim the net - holt Euch das Netz zurück!

re:publica 2014 - Recap "Into the wild"
re:publica 2014 - Recap "Die Mainhall"

Keynote

Die Keynote der Veranstalter etablierte die Tonalität der Veranstaltung: Markus Beckedahl forderte Asyl für den Whistleblower Edward Snowden in Deutschland.
Klasse waren The Yes Man, die durch Medienhoaxs bekannt wurden. Bei ihrer letzten Aktion unterwanderten sie eine Veranstaltung des US-Heimatschutzministeriums. Dort kündigten sie den vollständigen Umstieg der USA auf erneuerbare Energien an. Die anwesenden Militärs und Politiker brachten sie dazu, einen Indianertanz zu tanzen.

Jacob Appelbaum - „Let’s talk about Sex Baby, let’s talk about PGP“

„Let's talk about Sex Baby, let's talk about PGP“, so der Titel des Vortrags von Jacob Appelbaum. Der Vortrag sollte die Zuhörer die Bedeutung von Privatsphäre (im Internet) verdeutlichen und motivieren, Verschlüsselung zu benutzen. Der Journalist verglich Kryptographie mit Kondomen: niemand benutzt sie - weil umständlich - gerne, aber es gibt gute Gründe das dennoch zu tun. Jacob rief dazu auf, Kryptographie benutzerfreundlicher zu machen. Wie das aber gehen soll - darauf hatte er keine Antwort.

republica 2014 recap Jacob Appelbaum

Johnny Häussler - „Von welcher Plattform verabschiedet Ihr Euch gerade?“

Der Betreiber des Spreeblick-Blogs (www.spreeblick.de) hielt eine tolle Session: er stellte Fragen dem Publikum Fragen, z.B. „Von welcher Plattform verabschiedet Ihr Euch gerade?“ Die Antworten konnte dank der Plattform www.polleverywhere.com per Twitter, SMS oder über ein Webinterface eingeben. Die Verteilung wurde in Echtzeit visualisiert. Übrigens: die meisten verabschieden sich gerade von Google+, gefolgt von facebook und Whatsapp.

Frank Rieger (Chaos Computer Club) - Wer soll uns regulieren?

Franks These: die großen Anbieter im Internet aggregieren immer mehr Traffic (sehr schöne grafische Darstellung hier).
Die Politik ist mit der Geschwindigkeit des Internets überfordert. Er fragt: wer soll die Internet-Giganten regulieren?
Fertige Lösungen kann Frank Rieger nicht präsentieren. Nur Denkansätze: mehr Demokratische Strukturen wie z.B. das RIPE zur Verwaltung der IP-Adressen. Er regt an, über eine Art öffentlich-rechtliche Anstalten im Internet nachzudenken.

Sascha Lobo - Rede zur Lage der Nation

Sascha Lobo polarisiert. Vor allem in der von ihm postulierten Netzgemeinde selbst. In seiner sichtlich emotionalen Rede zur Lage der Nation machte er klar, dass es nicht reicht, Appelle zu retweeten und zu sharen. Das schafft zwar Aufmerksamkeit im Netz, bewirkt aber nichts. Es folgt ein ausführlicher Rant auf die Bundesregierung.
Er fordert endlich Aufklärung durch den NSA-Untersuchungsausschuss. Sascha vermutet, dass dort bewusst verhindert wird, weil der BND in die Totalüberwachung involviert ist. Zum Abschluss fordert er zum Marsch durch die Institutionen auf. Nur durch politisches Engagement in der realen Welt lässt sich etwas bewegen. Zu diesem Zweck hat er die Domains netzgemeinde.de und internetministerium.de reserviert. Und er droht, dort selbst im Namen der Netzgemeinde zu sprechen, falls niemand mitmacht.

David Hasselhoff - F-Secure Panel

Dass der Anbieter von Sicherheitssoftware F-Secure den Schauspieler David Hasselhoff als Speaker zur re:publica eingeladen hatte sorgte im Vorfeld bei Vielen für Verwunderung, unter anderem auch bei den Veranstaltern selbst. Glaubwürdigkeit geht anders. Bei den Konferenz-Teilnehmern kam die Aktion nicht gut an: Viele verließen den Saal. Wir waren gar nicht erst dort. Man darf gespannt sein, ob F-Secure nächstes Jahr wieder dabei sein wird.

Herbert Braun - Geschichten aus der facebook Werbung

Der Verleger eines Erotik-Magazins zeigt Geschichten aus der facebook Targeting Hölle. Ein bunter Bilderbogen von Ads, die bei ihm in der Timeline erschienen. Vom Escort-Service über liebesbedürftige Damen bis hin zu plastischer Chirurgie mit eindeutigen Bildern war alles dabei.
Der Witz an der Geschichte: Herbert verlegt ein hochwertiges Erotik-Magazin und betreibt dazu eine Fanseite bei facebook mit über 1000 likes. Ständig wird er aufgefordert, Anzeigen dafür zu schalten. Die Werbung wird aber mit schöner Regelmäßigkeit abgelehnt! Obwohl der Vortragsstil ein wenig lustlos war und die Screenshots zu klein: dennoch ein klasse Vortrag.

Re:publica – der zweite Tag

Supergeiler First Kiss – Virilität nur gegen Kohle?

Vortrag von Marco Vollmar, Juliane Leopold, Christian Brandes, Melanie Goemmel und Martin Giesler

Unsere erste Session am zweiten Tag war die Diskussionsrunde „Supergeiler First Kiss – Virilität nur gegen Kohle?“. In Zeiten sinkender organischer Reichweiten bei facebook eine berechtigte Frage. Unser Fazit: guter Content setzt sich durch. Bei der Vermarktung muss man aber die Hausaufgaben machen. Und ein wenig Glück gehört auch dazu… :) Leider schoss die Diskussion zu der Session bei Twitter ein wenig ins Kraut, aber das kennen wir ja bereits…

Wer archiviert das Internet? – archive.org

Vortrag von Elisabeth Niggemann, Alexis Rossi und Paul Klimpel

Kennt Ihr archive.org? Die machen das nämlich. Die gemeinnützige Organisation speichert ausgewählte Websites regelmäßig. Die Auswahl basiert auf Besucheraufkommen, Vorschlägen der Nutzer und dem Spendenvolumen. Mittlerweile hat archive.org 80 Petabyte (PB) an Daten gespeichert. Das sind 1.000 Terabyte oder 1.000.000 Gigabyte. Der Datenbestand ist für jeden über die Website des Internetarchivs zugänglich. Die Navigation auf der Site ist mit der way back machine gut gelöst: eine Zeitleiste zeigt alle im Lauf der Zeit gespeicherten Versionen einer Website. Durch Klick auf die Zeitleiste kann sehen, wie die Website zu einem bestimmten Zeitpunkt aussah.

Was wir auch nicht wussten: archive.org archiviert nicht nur Websites, sondern auch physische Medien und macht diese Online zugänglich. Aktuell sind 1,5 Mio. Bücher, VHS-Kassetten und LPs im Archiv.

Youtube and the News

Vortrag von Johnny Häusler, Fräulein Chaos, LeFloid und MrTrashpack

Erneut eine herausragende Session von und mit Johnny Häusler. Thema: erfolgreiche Youtuber und was sie so erfolgreich macht. Mit dabei waren Fräulein Chaos (80.000 Abonnenten), MrTrashpack (300.000 Abonnenten) und LeFloid mit 1,8 Mio. Abonnenten. Das sind Reichweiten, von denen andere nur träumen können und die bereits einige Fernsehsendungen hinter sich lassen. Dabei stehen hinter den Youtube-Kanälen jeweils nur wenige Personen und nicht etwa Medienunternehmen.

Genau das ist ein Erfolgsfaktor
Die schlanke Produktion ermöglicht Special Interest Content, der über das Medium Internet ganz easy seine Zielgruppe findet. Losgelöst von festen Sendezeiten und großen Teams lässt sich schneller und unabhängiger (=authentischer, da ist es wieder, das Wort) publizieren. Gleichzeitig kann viel schneller auf die Community eingegangen werden. Die Youtuber leben mittlerweile von den Einnahmen. Zumeist stammen dieses aus Werbung, teilweise finanziert Google die Kanäle, um exklusive Inhalte auf Youtube zu haben. Product Placement spielt bei den dreien keine Rolle und ist in Deutschland generell nicht gerne gesehen. In den USA ist diese Praxis kulturell akzeptiert und unterwandert die Glaubwürdigkeit der Schaffenden nicht. Ein weiterer wesentlicher Erfolgsfaktor ist die Analyse der Nutzer. Dadurch können Fragen wie „Welches Thumbnail wird am meisten geklickt?“, „An welcher Stelle schalten die Leute ab?“ und „An welcher Stelle kommen die meisten Kommentare?“ beantwortet werden. Die Erkenntnisse werden verwendet, um langfristig die Zielgruppe besser zu erreichen.

Youtuber und das Fernsehen
Die Youtuber nutzen das klassische Fernsehen entweder gar nicht mehr oder nur sehr selektiv, z.B: die Online-Mediatheken. Ihnen fehlen interessante Formate und Sender. O-Ton: „Die hirnrissigen Hartz 4 Sendungen nerven, dafür ist meine Freizeit zu schade.“ Aktuell bietet den jungen TV-Machern Youtube die besten Konditionen für online Videos und sie sehen dafür keine Alternative. Versuche, die Videos ohne Youtube zu stremmen waren in der Vergangenheit nicht von Erfolg gekrönt: technisch funktionierte es, aber die Werbeeinnahmen wurden von den Serverkosten aufgefressen. Übrigens: wer schnell zu Ruhm und Geld kommen möchte, der ist bei Internet-TV falsch. Das Modell funktioniert nur, wenn man langfristig eine Community aufbaut und pflegt.

Google Nest

Medienhoaxs spielen in der Internetkultur seit jeher eine wichtige und auch lustige Rolle. Umso mehr freute es uns, live bei einem dabei sein zu dürfen. Angekündigt war ein Vortrag von Google über neue Produkte. Eigentlich waren wir zu Beginn des Vortrags in einer anderen Session. Aber da die Google-Pressestelle über Twitter ankündigte, dass der Vortrag eine Satire sei wurde unsere Neugier geweckt und wir wechselten spontan die Session.

Die Idee des Talks war klasse: es wurden unter dem Motto „Your data - our future“ fiktive neue Google-Produkte vorgestellt, die das Datenschutzthema bewusst karikierten. Eine zugehörige Website im typischen Google Look rundete die Präsentation ab.

Google Trust
Vorgestellt wurde unter anderem Google Trust - eine Versicherung, die bezahlt, wenn die eigenen Daten missbraucht werden. Je mehr Google Dienste man nutzt, desto mehr wird ausbezahlt. Schon an dieser Stelle ging ein ungläubiges Raunen durch den Saal.

Google Hug
Google Hug ist ein Produkt, das erkennt, ob der Benutzer eine Umarmung nötig hat. Schlägt der Algorithmus an, wird ein anderer Google Nutzer in der Nähe vorgeschlagen, der ebenfalls eine Umarmung nötig hat. Während des Talks wurde Jan Josef Liefers vorgeschlagen, der „zufällig“ im Publikum saß.

Google Bee
Google Bee ist eine persönliche Drohne, die den Nachwuchs im Auge behält. Jeden Tag wird aus den Aufnahmen automatisch ein Video zusammengeschnitten, mit dem die Eltern kontrollieren können, ob die Kinder wirklich rechtzeitig zur Schule gingen.

Google Bye
Google Bye ist ein Art digitaler Nachruf. Stirbt ein Google-Nutzer, wird ein Best-of der Daten des Verstorbenen automatisch an die Kontakte verschickt. Bei Suchanfragen nach dem Namen wird in den Google Suchergebnissen bevorzugt ein digitaler Grabstein angezeigt. Zwei Politiker wurden im Vorfeld eingeweiht und empörten sich kurz nach dem Talk, um die Medienmaschine weiter anzuwerfen. Am Abend des zweiten Tages berichteten mehrere große Online Medien über den gelungenen Hoax, u.a. Spiegel Online, Golem und die Welt. Wir danken dem Peng Kollektiv für die gelungene Umsetzung.

Update
Mittlerweile musste google-nest.org die Internetseite entschärfen. Bei einem Besuch der Seite sieht man nun folgende Meldung:

re:publica 2014 - Recap "Dritter Tag"

Facetten der Netzkultur - Sondersendung, u.a. mit Tim Pritlove

Die re:publica will möglichst viele Facetten der Netzkultur zeigen. Genau das macht ihren Reiz aus. Das Podcasting darf in diesem Kontext natürlich nicht fehlen. Schon zum zweiten Mal gab es auf der re:publica das Sendezentrum: Ein Studio, in dem vor Publikum Podcasts produziert und live gestreamt werden können. Das Sendezentrum wurde von Tim Pritlove, einem der erfolgreichsten deutschen Podcaster (Freakshow, Not Safe for work, Raumzeit, uva.) und den Wikigeeks Claudia Krell und Ralf Stockmann aufgebaut. Unter anderem gab es einen Podcast am zweiten Tag, der die Macher der re:publica und ausgewählte Sessions vorstellte.

Re:publica – der dritte Tag

re:publica 2014 - Recap "Dritter Tag"

The Podlove Matrix

Vortrag von Tim Pritlove

 Der erste besuchte Talk am dritten Tag wurde von Tim Pritlove gehalten. Tim wird (fast) jedem Deutschen, der Podcasts hört, ein Begriff sein. Unter dem Label Metaebene personal media produziert er gleich mehrere der beliebtesten Podcasts in Deutschland: Freakshow, CRE, Not safe for work oder Raumzeit, den offiziellen Podcast von ESA/DLR.

In seinem Vortrag ging Tim kurz auf die Produktion von Podcasts ein und stellte u.a. Auphonic vor, ein Webservice, der für das Audio-Levelling benutzt werden kann. Den Hauptteil des Vortrags nahm die Vorstellung des Podlove-Projekts ein, einer Software, die Podcast-Produzenten unterstützt. Die Software wurde durch Crowdfunding finanziert und vereinfacht die Veröffentlichung von Podcasts im Web sowie die Anreicherung mit Metadaten. Die Metadaten sind ein absolutes Killerfeature: stellt Euch vor, Ihr habt in einem Podcast etwas interessantes gehört, wisst aber nicht mehr genau wo. Dank den durchsuchbaren Metadaten könnt Ihr die Stelle im Podcast nicht nur wiederfinden sondern im Browser auch gleich wiedergeben. Podlove übernimmt nicht die Erstellung der Metadaten (das muss man selbst machen), sondern bietet den Daten einen definierten Platz und eine Infrastruktur, um diese zu veröffentlichen.

Es ist übrigens immer wieder interessant, Tim englisch sprechen zu hören. Er ist britischer Staatsbürger, hat aber einen deutlichen deutschen Akzent. :)

I predict a riot

Vortrag von Hannah Fry

Hannah ist Mathematikerin und beschäftigt sich eigentlich mit Schwarmverhalten. In Ihrem Vortrag ging es um die 2011er Unruhen in London. Sie war nachträglich darauf aufmerksam geworden, nachdem Sie eine Karte von London gesehen hatte, auf der die Unruhen und die Wohnorte der Verhafteten eingezeichnet waren. Die Verteilung auf der Karte kam ihrem Team bekannt vor. Sie hatten ein vergleichbares Muster schon auf Karten gesehen, bei denen es eigentlich darum ging, wo die Leute einkaufen gehen. Sie wandte das ursprünglich für Shopping entwickelte mathematische Modell auf die Unruhen an und konnte in Simulationen nicht nur die Verteilung vorhersagen, sondern durch Planspiele die Polizei dabei unterstützen, in solchen Fällen besser zu agieren.

Der Vortrag war hochinteressant, ein absolutes Highlight hinsichtlich Inhalt und Präsentationstechnik. Dass sich die Fragen im Anschluss an den Vortrag ausschließlich um das Thema Überwachung drehten wundert auf der re:publica nicht.

Fazit der re:publica 2014

Leider mussten wir nach Hannahs Vortrag zum Flughafen. Auch am letzten Tag war das Programm sehr gut bestückt und die Abschlussparty hätten wir, anders und sehr Internetagentur Stuttgart, sehr gerne mitgenommen. Lohnt sich ein Besuch auf der re:publica? Ein klares Ja. Die re:publica 2014 zeigt alle Facetten der Netzkultur und bietet einen gründlichen Einblick in alle Netzthemen. Der Event ist ideal, um den eigenen Horizont zu erweitern, neue Perspektiven einzunehmen und sich selbst zu versichern, dass man Teil der Netzkultur ist.